Erzgebirge - Weihnachtsland

von „Brunhilde Nestler”

entnommen dem „Sehmaer Heimatblatt 3/1995”


Weihnachtsbräuche, Sitten und Traditionen in Vergangenheit und Gegenwart


Auch in Sehma unterlagen die Bräuche den Veränderungen und dem Wandel der Zeit, sowie dem Wechsel der Generationen. Wenn man jetzt zum 1. Advent durch den Ort geht, so leuchten schon aus vielen Fenstern die Schwibbögen und die elektrische Beleuchtung.

Das war nicht immer so. In früheren Zeiten standen Bergmänner und Engel in den Fenstern, naturlich mit Wachskerzen. Die Zahl der Engel bedeutete soviele Mädchen, bei den Bergmännern eben die Anzahl der Jungen, welche in der Familie lebten.

Erst am Heiligabend, 18°° Uhr, wenn die Weihnachtsglocken erklangen, wurden die Kerzen entzündet. Dann nahmen die Familien das bekannte „Neunerlei” ein.

Das war für arme Familien der Festschmaus des Jahres. Es gibt in unserem Ort Familien, die sich noch heute an den Brauch halten, erst am Heiligabend die Beleuchtung anzustecken. Wenn in der Adventszeit schon alles erstrahlt, ist ja zur Weihnachtszeit keine Steigerung mehr möglich und so nimmt man dem Fest die Spannung.

Aber darin erkennt man den Wandel des Brauches innerhalb der Generationen und damit des Zeitgeistes. Natürlich hat die elektrische Beleuchtung dazu beigetragen.

Auch die Schwibbögen in den Fenstern haben erst nach dem 2. Weltkriege ihren Siegeszug angetreten. Aber es ist ein schöner Brauch vom alten Bergbau übernommen. Und so kommen auch neue Gedanken und Ideen dazu, nämlich zu den Adventssonntagen Basare und Buden aufzustellen und den Erlös für Hilfsprojekte zu spenden. Es bietet sich ja an, da die Bürger ohnehin im Advent dem Turmblasen jeden Adventssonntag zwischen 18°° und 19°° Uhr lauschen.

So ist das ein gewisses Zentrum im Advent. Das Turmblasen findet schon seit sehr vielen Jahren statt. Wann es genau das erste Mal war, ist nicht niedergeschrieben. Jedenfalls hat die Sehmaer Blaskapelle, im Volksmund „de Riegelkapell”, weil viele Mitglieder Riegel hießen zu den Adventssonntagen vom Turm geblasen.

Als im Februar 1939 der Posaunenchor von Pfarrer Lehmann gegründet wurde, übernahm dieser Klangkörper das Turmblasen. Und so ist es noch heute. Sicher hatte auch der Kriegsbeginn seine Auswirkungen, denn viele Männer waren im Krieg und der Posaunenchor bestand zum großen Teil aus Schülern.

Schwierig war es mit der Verdunkelung im Krieg. Da hatte Pfarrer Lehmann an den Notenständern kleine Lämpchen angebracht. Es war im Ort stockdunkel. Nirgend durfte Licht aus den Fenstern scheinen, wegen des Fliegeralarms. Da war nichts mit erleuchteten Fenstern und öffentlichen Christbäumen und Pyramiden. Für die heutige Jugend ist das unvorstellbar.

Diese schwere Zeit hat auch das Vereinswesen, welches in Sehma stark war, zum Erliegen gebracht. Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts hat der Sehmaer Krippenverein große Aktivitäten hervorgebracht. Zum einen waren es die Weihnachtsspiele in der Adventszeit im Gasthof Oelmann, auf der Bühne im Saal des Gasthauses wurden biblische Spiele aufgeführt.

Die alten Leute, also, unsere Eltern und Großeltern schwärmten von den Theaterstücken. Auch im Sommer wurden Aufführungen dargeboten. In der Weihnachtszeit hatte fast jede Familie einen Weihnachtsberg oder auch „Winkel” genannt in der Stube aufgebaut. Beim Winkel wurde Reißig an die Wand genagelt und Süßigkeiten drangehängt, welche dann zur Lichtmeß - 2.Februar - verteilt wurden.

Lichtmeß ist der letzte Feiertag im Weihnachtskreis, nämlich die Darstellung Jesu im Tempel. Das wissen viele nicht. Jesus Eltern opferten anläßlich der Geburt. Deshalb hat die Beleuchtung früher immer bis zur Lichtmeß gebrannt. Die Familien , die heute erst Heiligabend illuminieren, halten an dieser Sitte bis heute fest.

Da die Bindung an die Kirche nachgelassen hat, wissen viele nichts mehr mit diesem Brauch anzufangen und verlegen die Beleuchtung schon in die Adventszeit.

Der orientalische Weihnachtsberg hat nach und nach dem erzgebirgischen Winkel mit Nachbildung des Bergbaues Konkurrenz gemacht. So wurden orientalische Landschaften gemalt und am Krippengestell befestigt, und vom Krippenhimmel schwebte der Verkündigungsengel zu den Hirten. Es gab mechanische, also bewegliche Weihnachtsberge und stumme, sogenannte tote Krippen. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.

In den Zwischentagen und auch nach Weihnachten wurden untereinander Besuche gemacht und das neu Dazugekommene bestaunt. Man nannte es kurz „mier ginne Kripp ahgucken”.

Diese Zeit ist vorbei, nur wenige halten daran fest, welche auch die Räumlichkeiten dazu haben. Die Modelleisenbahn ist gewissermaßen Ersatz dafür. Im Januar oder Februar fanden vielerorts Krippenausstellungen statt. Da wurden all die Herrlichkeiten ausgestellt und mit viel Liebe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Weihnachtskrippen, Leuchter, Pyramiden und Schnitzereien waren zu sehen.

Jetzt fehlen bei den Ausstellungen Weihnachtsberge. Dafür sind Klöppelarbeiten und kunstgewerbliche Artikel zu bestaunen. Die von den Schnitzern in Sehma gemeinsam angefertigte Vereinskrippe war auf allen früheren Ausstellungen zu sehen. 1934 war eine große Krippenausstellung im Erbgerichtssaal. Als Ehrengast kam der SA-Führer von Sachsen. Er übte Kritik an der Ausstellung wegen jüdischen Einflusses auf den orientalischen Krippen. Es fand während der Nazizeit keine Ausstellung mehr statt.

In dieser Zeit wurde die Vereinskrippe abwechselnd in verschiedenen Gaststuben aufgebaut, die Gastwirte hatten dadurch mehr Gäste, zum Beispiel: im Döhnel-Café, Gasthaus Sehmatal (Lang, Kurt), Gaststätte Wartburg usw. In den Kriegsjahren kam alles zum Erliegen. In der Gaststätte Wartburg wurde die Vereinskrippe aufbewahrt. Als die Wismutfrauen dort untergebracht waren, kamen die Einzelteile der Vereinskrippe auf den Kirchturm, dadurch ist diese Vereinskrippe uns erhalten geblieben.

Nach dem 2. Weltkriege, im Jahre 1949, hat Bürgermeister Richard Horn die Sehmaer Schnitzer eingeladen und sie dazu bewegt, eine Schnitz- und Krippenausstellung zu organisieren. Die Leitung hatten die Schnitzer Paul Lang und Herbert Häßler vom Rathaus. Die Ausstellung fand im Februar 195O im Sportheimsaal statt. An diese Ausstellung können sich noch viele Sehmaer Einwohner erinnern. Es waren sehr viele erzgebirgische und orientalische Weihnachtsberge zu bewundern. Viele davon existieren nicht mehr.

Wunderschöne Pyramiden, Leuchter und Schnitzereien konnte man bestaunen. Die Vereinskrippe wurde auf der Bühne des Saales aufgebaut. Wir jungen Leute von damals und die Kinder hatten ja durch die Kriegszeit so etwas noch nicht erlebt, für uns war es ein Fest.

Eine Hutzenstube war eingerichtet, wo Mädchen abwechselnd klöppelten. Die Erzgebirgsgruppe „Willy Kaltofen” sang so oft es möglich war. Es war ein erster Höhepunkt in Sehma nach dem Krieg.

Auch da hatte Sehma einen Ehrengast!
Otto Buchwitz kam nach Sehma. Auch er übte Kritik; durch die Kriegsknechte auf den orientalischen Krippen würde der Militarismus verherrlicht. So merken wir die Veränderung des Zeitgeistes.

Bei dieser Ausstellung war es, auch wegen der Stromabschaltungen schwierig. Die mechanischen Krippen wurden zum Teil mit einem Notstromaggregat aus dem Garnveredlungswerk Sehma angetrieben, um die Besucher nicht zu enttäuschen. Rund 12.000 Besucher wurden gezählt. Der Reingewinn erbrachte 6.000 Mark, er wurde zur Erneuerung der Toiletten in der Schule verwandt.

Aus Anlaß der Ausstellung wurde unsere erste Ortspyramide gebaut und stand auf dem Sportheimplatz vor der Ausstellung. Viele kennen sie noch; blaue Flügel mit goldenen Sternen und Glöckchen, die immer bimmelten, wenn sie sich drehte. Die Säulen waren auch blau mit gelben Bögen und roten Tüllen. So stand sie jedes Jahr zu Advent und Weihnachten im Garten vor dem Hauptgebäude der Küttner-Fabrik und durch BM Marianne Podleiska initiiert ab Weihnachten 1968/69 (pks) auf dem Erbgerichtsplatz zur Freude der Einwohner bis 1974.

1974 fand wieder eine Schnitz- und Klöppelausstellung statt, nur die Krippen fehlten. Da die erste Pyramide wacklig geworden war, erging an die Schnitzer der Auftrag zum Bau einer neuen Pyramide. Sie wurden von den Handwerkern des Garnveredlungswerkes unterstützt. Sie ist nun holzfarben und ohne Gebimmel dreht sie ihre Runden, da die Anwohner Beschwerde eingelegt hatten.

Der Schwibbogen vor dem Rathause ist 1983 entstanden. Er war zur letzten Ausstellung von Kunstgewerbe, Klöppelsachen und Schnitzereien zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Er stand während der Ausstellung auf der Bühne im Sportheim.

Am Rathaus befand sich sonst immer ein Christbaum. Der erste öffentliche Christbaum in Sehma mit elektrischen Kerzen wurde 1929 auf dem Erbgerichtsplatz aufgestellt. Der Erzgebirgsverein hatte zur Hauptversammlung beschlossen, den Christbaum auf seine Kosten aufstellen zu lassen. Als 1983 der Sehmaer-Schwibbogen angefertigt wurde, war auf dem Block zwischen den Bergleuten nur die erste Hälfte des bekannten Verses „Es grüne die Tanne, es wachse das Erz” zu lesen. Die zweite Hälfte kam dann nach der Wende 1990 dazu: „Gott schenke uns allen ein fröhliches Herz”. Nun ist der Vers vollkommen, der Schwibbogen leuchtet die ganze Advents- und Weihnachtszeit ins Dorf und hat den Weihnachtsbaum am Rathaus verdrängt. Aber es haben ja auch viele Einwohner in den Gärten Bäume geschmückt und so vermißt man am Rathaus den Christbaum nicht.

bearbeitet von pks