Entnommen dem "Tageblatt Annaberger Wochenblatt".
Ausgabe: No 146. - 130. Jahrgang.
Sonnabend, den 26. Juni 1937.

Heute und morgen feiert Sehma das 50jährige Schuljubiläum, ein festlicher Anlaß, der die gesamte Gemeinde berührt. Immer sind Geschicke und Erinnerungen des Einzelnen wie die Geschichte einer Gemeinde eng mit der Schule verknüpft. Wie oft nicht fliegen bei den Erwachsenen, sind sie in der Unterhaltung beflissen, die Gedanken zurück an ihre Jugend- und Schulzeit, so manches schöne Erlebnis wird der Vergessenheit entrissen, so manche "Heldentat" aus den Rüpeljahren macht die Runde am Stammtisch. Und - nehmt alles nur in allem - wer von uns kommt zuguterletzt nicht eben doch zu dem Ergebnis, daß die Schulzeit die schönste Zeit war. Einen wichtigen Abschnitt unseres Lebens haben wir alle zwischen Schulhaus und dem Elternhaus geteilt, so manche gute Lehre, die ein fürsorglicher Erzieher uns damals mit auf dem Weg gab, war uns Rüstzeug in den Fährnissen des Lebens. So bekundet auch die gesamte Einwohnerschaft der Gemeinde Sehma ihre Anteilnahme an der Jubelfeier, seit Wochen schon rüstet sie zum Feste, das ihr Fest ist. Denn gerade in Sehma ist ja die Schule auch in anderer Hinsicht enger noch mit der Geschichte der Gemeinde verbunden als anderswo, trägt doch das geräumige Schulhaus, indem die Sehmaer Jugend die Lehren fürs Leben empfängt, den Namen "Friedrich-Richard-Schule" und erinnert damit ebenso an den Industriezweig, dem Sehma zum großen Teil sein aufblühen verdankt, wie an einen Wohltäter des Ortes, in dessen Unter- nehmen ein großer Teil der Einwohnerschaft Lohn und Brot erhält.


Ein Stück Ortsgeschichte rollte vor uns ab, als wir mit dem Bürgermeister Weißflog und dem Schulleiter Rektor Mahn im Schulgebäude zusammensaßen und letzterer, der sich um die Erforschung und Zusammenstellung der Chronik von Sehma große Verdienste erworben hat, aus dem reichen Schatz seines Wissens uns von der Entwicklung des Schulwesens in Sehma erzählte. Ursprünglich ein reines Bauerndorf, faste nach dem 70er Krieg die Industrie immer mehr Fuß in der Gemeinde, in der bereits im Jahre 1820 Christian Küttner in kleinem Umfang das Unternehmen gegründet hatte, das heute Weltruf genießt.

1673 wurde Sehma, dessen Gründung zwischen 1100 und
1200 durch thüringisch-fränkische Kolonisten erfolgt sein
dürfte, kirchlich und schulisch selbständig.

Daß es früher nach Schlettau eingepfarrt war, läßt die Annahme für richtig erscheinen, daß die ersten Ansiedler dem Rufe des Ritters von Schlettau gefolgt sind, der diesen hier ihre Hufen zuteilte. Das Sehma, als es seine schulische und kirchliche Selbständigkeit erlangte, nicht sehr groß war, dafür ist das Bild des ersten Schulhauses ein sprechender Beweis. Noch bis vor etwa 35 Jahren stand es auf dem jetzigen Germannschen Bauplatz, windschief und baufällig, ein beredter Zeuge einer vergangenen Zeit. Als erster Lehrer unterrichtete hier

im Pollmer-Karl-Gut
oder im Volksmund Büttner-Karl-Gut genannt

Johann Georg Köhler, Sehmas "altverdienter Ludimoderator und Organist", der sich, wie seine Nachfolger, Schulmeister nennen durfte, wenn er den Kirchendienst mit zu verwalten hatte. 1902 brannte das alte ehrwürdige Gebäude, daß nur ein Klassenzimmer und eine kleine Lehrerwohnung aufwies ab. Aber schon lange zuvor war es in den Ruhestand versetzt worden, denn das aufstrebende Sehma konnte - schon aus räumlichen Gründen - diesem Haus seine Jugend nicht mehr anvertrauen.

Etwa um 1790 war das zweite Schulhaus entstanden,

das zwar auch nur über ein Klassenzimmer und eine Lehrerwohnung verfügte, aber doch den gesteigerten Anforderungen weit mehr entsprach. Es dient heute noch als Wohnhaus und ist in Sehma als das sogenannte "Iske-Haus" bekannt. In die Zeit dieser Schule fällt eine wichtige Entwicklungsperiode des Schulwesens überhaupt, das mit dem Schulgesetz von 1835 auf neue Grundlagen gestellt wird. Der Titel "Kirchschullehrer" kommt auf und später auch die Amtsbezeichnung "Kantor". Die seminaristische Vorbildung der Lehrer wird Gesetz.

Aber die Aufwärtsentwicklung der Gemeinde Sehma verlangt bald gebieterisch erneut die Verbesserung der schulischen Verhältnisse. Im Jahre

1847 wurde mit dem Bau eines neuen Schulhauses
begonnen, das am 15. Oktober 1848 eingeweiht

und dem später eine Hilfslehrerwohnung angegliedert wurde. Auch dieses Gebäude, die sogenannte "Kirchschule", steht heute noch, und zwar ist es das jetzige Gemeindeamt, das übrigens zur Zeit einen umfassenden Umbau unterzogen wird. Der Schulneubau tat´s nicht allein, die steigende Schülerzahl erforderte auch eine Verstärkung der Lehrkräfte, und so bekam Sehma 1865 endlich einen 2. Lehrer, einen Hilfslehrer, dem jedoch bereits 1873 ein dritter als ständiger Lehrer folgte. Schon wieder war die Raumfrage akut, und so wurde ab

Michaelis 1873 neben der Kirchschule
ein weiteres Gebäude der schulischen Bestimmung zugeführt.

das jetzige Oskar-Oeser-Haus No 33b, das ein Klassenzimmer und eine Lehrerwohnung aufwies. Ein neues Schulgesetz von 1873 erweiterte den Aufgabenbereich des Schulunterrichts. Neue Unterrichtsfächer traten hinzu, wie Zeichnen, Turnen und die Nadelarbeiten bei den Mädchen. Eine Knabenfortbildungsschule wurde eingerichtet. Sehmas Schulgeschicke leitete damals Johann Gottfried Zimmermann als 1. Lehrer und Kirchschullehrer, der 1868 Kantor wurde und 1877 in den Ruhestand trat, den er in Annaberg verlebte. Anfang der 80er Jahre segnete er hier das Zeitliche. Seinem Wirken schloß sich die Aera Oswald Weißbach an, der von 1877 bis 1899 äußerst segensreich in Sehma wirkte. Unter ihm wurde

die Zentralschule erbaut, ein für die damalige Zeit modernes
Schulgebäude, das am 5. Oktober 1887 seiner
Bestimmung übergeben wurde.

8 Klassenzimmer enthielt es und Ostern 1914 mußte noch ein neuntes angegliedert werden. Welch ein Weg vom alten Pollmer-Gut zur Zentralschule, welch überzeugender Beweis des raschen Wachstums der Gemeinde Sehma! 1888 wurde Sehma eine vierte Lehrerstelle zugesprochen und 1909 erfolgte die Errichtung des Schuldirektorats. 7 Lehrkräfte unterrichteten zu dieser Zeit in der Sehmaer Schule, zu deren Direktor im Jahre 1909 Arthur Lißner berufen wurde, der dieses Amt indes nur 3 Jahre ausübte. Seit 1912 ist Direktor Friedrich Mahn der verantwortliche Leiter der Schule, dessen Namen auf das engste mit der Weiterbildung des Schulwesens in Sehma und seiner stetigen Verbesserung verknüpft ist. Friedrich Mahn übernahm mit dem Direktor-Amt auch die Sorge um den Schulraum, der auch in der vor erst 30 Jahren gebauten Zentralschule nicht mehr ausreichte. Vertrauensvoll wandte er sich an Hugo Küttner, den Leiter der Friedrich Küttner-A.-G., der sich schon immer als Wohltäter der Gemeinde erwiesen hatte, und erhielt anläßlich des 100jährigen Bestehens des Unternehmens am 31. Juli 1920 die Zusage der Finanzierung des Baues. Der Weltkrieg machte zunächst alle Pläne zunichte, mit geringen Mitteln und wenig Kräften wurde die Sehmaer Jugend unterrichtet, zeitweilig mußten z. B. 3 Lehrer 500 Kinder betreuen und unterrichten. Unmittelbar nach der Beendigung des Krieges stand vor den Verantwortlichen auch wieder die große Frage der Erweiterung der Schulräume. Die Gemeinde Sehma wird es ihrem Sohn, Fabrikbesitzer Hugo Küttner, nicht vergessen, daß er Wort gehalten und in schwerer Inflationszeit den Bau einer neuen Schule auf dem Platz der alten Zentralschule beginnen ließ und auch restlos finanzierte.

1923, am 5. August, erlebte die Gemeinde Sehma einen
Freudentag, der stolze Bau der neuen Schule wurde ein-
geweiht u. erhielt den Namen "Friedrich-Richard-Schule",

ein bleibendes Denkmal für den Vater des Erbauers und für den Mann, dem die Gemeinde Sehma ihre Entwicklung nicht zum kleinen Teil verdankt. Das Gebäude enthält 12 Klassenzimmer, Zeichensaal, Physikzimmer und Schulsaal. Gegenwärtig unterrichten in ihm 11 Lehrkräfte. Der stattliche Bau, in dessen Innerem mehrfach Verbesserungen vorgenommen wurden, wird heute und morgen im Mittelpunkt der Feiern stehen. Möge auch weiterhin alles, was in ihm an Wissen und Erfahrung vermittelt wird, der Jugend und der ganzen Gemeinde Sehma zum Segen gereichen!

nun pks

Leider sollten die guten Wünsche nur für kurze Zeit reichen. Durch den 2. Weltkrieg wurden viele gute Erwartungen in weite Ferne gerückt. Nach schrecklichem Ende, Besatzung durch fremde Mächte, Abbau vieler Industrieanlagen und Teilung des Landes, erfuhr das wirtschaftliche und private Leben einen Rückschlag und die schulische Bildung der Jugend viele Unwegsamkeiten.

1887 - 1987
100jähriges Schuljubiläum in Sehma

1989 begann ein weiterer Abschnitt schulischer Bildung und Erziehung. Wiedereinführung der Bundesländer im hiesigen Teil des Landes, eine andere Schulstrukturierung und neue Lehrpläne mit erweiterten Lernzielen ebneten auch der hiesigen Schuljugend den Weg zur Weltoffenheit.

In dieser Zeit der Umstrukturierung machte sich auch ein klares Bekenntnis zu einem gemeinsamen Schulstandort für unser gesamtes Sehmatal notwendig, da die Geburtenzahlen sich stark rückläufig entwickelten. Nach Jahren der Irrungen manches elitären Gemeinderates, wurde unsere „Friedrich-Richard-Schule“ 1999 zum Standort der neuen gemeinsamen „Mittelschule Sehmatal“.

Die geforderte Mehrzügigkeit, in manchen Altersstufen vierzügig, machte im Schulgelände ein zweites Schulgebäude erforderlich, um den erhöhten Bedarf an Unterrichtsräumen gerecht zu werden. Im Jahre 2002 begann dies Wirklichkeit zu werden. Andere Örtlichkeiten, wie Sportplatz, Turnhalle und Freizeitanlagen wird noch manches Kopfweh bereiten und honorige Schulförderer erfordern.


bearbeitet von pks




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