Geschichte aus der Döhnelmühle


      Heimlich raunen die alten Bäume von vergangenen Zeiten und wiegen sich leise im Winde, als nickten sie einander zu und wollten sich erzählen, was sie in ihren langen, abwechslungsreichen Leben mit angesehen haben. Wohlgefällig ruht der helle Sonnenschein auf ihnen, gleitet weiter über sie hinweg und bescheint ein aus den Bäumen hervorblickendes Schieferdach, welches zu einem größeren Wohnhaus gehört.

      Durch den nahen Garten eilt Wasser in einem Graben im unaufhörlichen Laufe dahin und verschwindet in einem hölzernen Anbau am Hause, aus dem das Rauschen und Poltern des alten Wasserrades erklingt. Brausend und gurgelnd erscheint es auf der anderen Seite, als ob es über die Unterbrechung seines Laufes ganz aufgeregt sei, und eilt an einem, dem Wohnhause gegenüberliegenden scheunenählichen Hause vorbei und verschwindet am anderen Ende des Gartens um eine Biegung.

      Zwischen beiden Häusern befindet sich ein Hof, auf dessen Boden die Sonnenstrahlen blendend aufprallen. Ein Kind steht im Hofe vor zwei großen runden Steinen, vom lebenden Zaune halbverdeckt, und sieht sie sinnend an. Ein alter ergrauter Mann kommt vorbei, zu dem wendet sich das Kind und spricht mit heller Stimme:

„Großvater, was sind denn das hier für runde Steine mit dem eckigen Loch in der Mitte ?”

„Das sind Mühlsteine, mein Junge!”

„Mühlsteine? Ja wie kommen denn die hier her?”

      „Das Haus, welches du hier siehst und jetzt deinem Vater gehört, war früher eine Mühle. In ihr mahlte mein Vater, dein Urgroßvater, das Mehl für die Bauern; diese Steine haben fleißig das wertvolle Korn gemahlen, das wir für unser tägliches Brot brauchen.”

      „Ach, jetzt weiß ich auch, warum du zum Wasserrad Mühlrad und zum Wassergraben Mühlgraben sagst, weil beides früher zur Mühle gehörte. Großvater, könntest du nicht bitte noch mehr erzählen, wie früher in deiner Kindheit und noch früher alles war?”

      „Na, so schnell geht das freilich nicht, aber wenn du mit in die Stube kommst, will ich dir gern alles erzählen, was ich weiß.”

      Als beide sich anschicken, das Wohnhaus zu betreten, tritt aus dem gegenüberliegenden Hause, aus dem der Lärm von Posamentenmaschinen dringt, ein jüngerer Mann. Zu ihm ruft der Junge: „Papa, Großvater erzählt mir , wie es früher hier ausgesehen hat!”

      Endlich gelangten sie in die Stube, der Großvater setzt sich mit seinem Enkel auf die Bank am Ofen, welcher ihn erwartungsvoll ansieht; der Großvater beginnt:

      „Es sind nun viele Jahre vergangen, seit dein Urgroßvater, von dem ich vorher schon etwas erzählte, dieses Haus, indem du wohnst, gebaut hat. Doch ehe ich auf die Entstehung der Mühle eingehe, werde ich dir erst kurz von seiner Jugend berichten. Er wurde am 1. März im Jahre 1828 in Hundhübel als Sohn des Bäckermeisters Johann Friedrich Döhnel geboren. Man taufte ihn auf den Namen Wilhelm Moritz Döhnel. Nach dem Besuch der dortigen Volksschule ging er 1842 zu einem Bäcker, mit dem Namen Reichel, nach Annaberg in die Lehre, um nach alter Tradition das Handwerk des Bäckers zu ergreifen, denn schon seines Vaters Vater, dein Urururgroßvater, Gottlob Döhnel, war in Schneeberg Bäcker gewesen. Als Bäckergeselle ging er nach Mildenau zu seinem Bruder Gottfried, der dort die sogenannte Wildenauer Mühle besaß, die du heute noch sehen kannst. Doch gehört sie heute keinem Döhnel mehr.”

„Warum Großvater?”

      „Nun der Bruder hatte zwei Söhne, von denen der eine mit Namen Oskar die Mühle erbte, doch hatte er nur eine Tochter zum Erben, diese heiratete den Besitzer des Rittergutes von Sachsenfeld, Wusing, der Geld für sein Gut brauchte und deshalb die Mühle seiner Frau verkaufte.

      Wieder zurück zu unserer Erzählung; ich sagte vorhin, dein Urgroßvater ging zu seinem Bruder in die Mühle, dort wurde er Müller und lernte Friedericke Zweigler, Tochter eines Begüterten, kennen. Er heiratete sie und ließ sich mit ihr 1852 in der Kirche zu Beierfeld trauen. Um dieselbe Zeit pachtete er eine Bäckerei in Raschau, wo er einen eigenen Hausstand gründete. Jedoch da hielt es ihn nicht lange, 1858 nahm er in Cunersdorf die später abgebrannte, im Volksmund als Katzenmühle bekannte, Mehlmühle und Bäckerei in Pacht. Hier wurde ich am 22. Dezember 1865 geboren. Mein älterer Bruder Paul hat von der Katzenmühle ein Modell gebaut, welches du sicher kennen wirst. Ich verbrachte hier die ersten drei Jahre meines Lebens.”

„Kannst du dich noch auf etwas besinnen, was du dort erlebt hast?”

      „Nein, davon weiß ich nichts mehr, aber doch, eines hab ich nicht vergessen. Wenn meine Mutter sagte, ich solle in die Mehlstube etwas schaffen, so fand ich sie, der vielen Treppen wegen niemals, immer mußte sie mir jemand zeigen.”

      „Als in Sehma 1867 eine Spinnerei niederbrannte, kaufte mein Vater die Brandstelle. Zufällig weiß ich genaueres von dem Brande. Es war am ersten Weihnachtsfeiertage, als in der Spinnerei, in welcher man Watte herstellte, ein Feuer ausbrach. Alle Leute rannten hin, nur ein altes Mütterlein war in der Kirche geblieben, so daß der Pfarrer sagte, sie solle nur auch mit zum Feuer gehen, wegen ihr allein würde er keine Predigt halten.

Auf dieser Brandstätte also baute mein Vater ein Wohnhaus mit Scheune und richtete eine Mühle mit Bäckerei ein.”

„Woher bekamt ihr denn das Korn zum Mahlen?”

„Das bekamen wir von den Bauern der Umgegend, aber auch von weit her, aus Böhmen, aus Komotau oder von Chemnitz herauf.”

„Im Keller ist doch ein Stall, du hattest wohl früher Pferde und Kühe?”

      „Ja, wir hatten ein Pferd, drei Kühe und zwei bis vier Schweine, dazu einige Felder, die ich aber später verkaufte. So eine kleine Wirtschaft gehörte damals zu jeder Mühle. 1888 heiratete ich deine Großmutter Ida Glänzel. Sie war die Tochter des Brettschneiders Friedrich Glänzel. Als im Jahre 1898 am 18. August dein Urgroßvater im Alter von 70 Jahren starb, übernahm ich die Mühle. Der Verdienst durch die Mühle wurde immer geringer, so daß ich mich entschloß, die damals aufblühende Posamentenindustrie zu betreiben.

      Im Jahre 1899 drehten sich die Mühlsteine zum letzten Male. Die Bäckerei blieb noch bis 1903 bestehen. Nach verschiedenen Umbauten ließ ich als letztes die Scheune zu einer Fabrik ausbauen. Nun stand alles so, wie es heute ist. Zum Beginn des Jahres 1937 übergab ich die frühere Mühle, jetzt Posamentenfabrik im Alter von 72 Jahren deinem Vater, meinem Sohn.

      So Gott will, wird auch er sie wieder einem seiner Söhne übergeben, der Grund und Boden soll sich weiter vererben in einer nie endenden Geschlechterreihe. Auch du sollst später dafür sorgen, daß der Stamm der Döhnel nicht ausstirbt.”


In den mir  zugänglich gemachten  Döhnelunterlagen  habe
ich diesen Hausaufsatz gefunden, der teils eine Erzählung,
teils ein  familäres  Ahnenbild  darstellt und der vermutlich
von Günther Döhnel geschrieben wurde.

bearbeitet von pks